Braucht ein gutes Projekt auch hitzige Diskussionen, Michael Enz?

«Beim Bauen im Bestand startet man oft mit nur 50% Prozent Wissen, also relevanten Informationen – der Rest zeigt sich erst während der Umsetzung.» Michael Enz, Projektleiter beim Umbau der Psychiatrie Sarnen erklärt, wie mit entkoppelten Holzdecken und Raum-im-Raum-Konstruktionen ein denkmalgeschütztes Gebäude zukunftsfähig gemacht wurde.

Im Interview spricht er darüber, warum Kommunikation genauso wichtig ist wie Statik – und weshalb Flexibilität im Holzbau der Schlüssel zum Erfolg ist.

Michael Enz, Projektleiter holzprojekt AG
für den Umbau und die Erweiterung der Psychiatrie Sarnen

Die Psychiatrie Sarnen befindet sich in einem denkmalgeschützten Gebäude aus dem Jahr 1856. Was war die besondere Ausgangslage dieses Projekts?

Das Gebäude des ehemaligen Kantonsspitals wurde bis auf die Tragstruktur zurück gebaut. Anschliessend haben wir das Tragwerk etappenweise ertüchtigt und sämtliche Tragachsen als Skelettbau konzipiert. Das erlaubt eine hohe Nutzungsflexibilität und vereinfacht die Schnittstellen zur Haustechnik – was bei einer psychiatrischen Nutzung mit hohen Anforderungen entscheidend ist.

Ein zentrales Thema war der Schallschutz. Worin lag hier die grösste Herausforderung?

Gerade in einer Psychiatrie ist Diskretion wichtig. Neben den Luftschallanforderungen ist im Holzbau insbesondere dem Trittschallschutz hohe Aufmerksamkeit zu schenken.  Deshalb wurden zwischen die bestehenden Balken vollständig entkoppelte neue Hohlkastendecken eingebaut. Die Nutzenden bewegen sich auf dieser neuen Konstruktion. Dadurch wird die Körperschallübertragung praktisch eliminiert. Die alte Balkenlage bleibt bestehen und trägt die untere Brand- und Schallschutzdecke sowie die Haustechnik.

Wie ist der konstruktive Aufbau der neuen Decken und Wände zu verstehen?

Man kann von einem «Raum-im-Raum»-Prinzip sprechen. Die alte Substanz bleibt erhalten – aus Gründen des Denkmalschutzes –, wird aber statisch verstärkt. Dazwischen bauen wir ein neues, vollständig entkoppeltes Tragwerk ein. Auch bei den Aussenwänden wurde dieses Prinzip angewendet: Die bestehende Bruchsteinmauer wurde belassen, Unebenheiten durch eine Entkopplungsschicht ausgeglichen und davor ein neuer Wandaufbau erstellt. Die neue Balkenlage liegt auf dieser inneren Konstruktion und ist nicht direkt mit dem historischen Mauerwerk verbunden.

«Man kann von einem Raum-im-Raum-Prinzip sprechen. Die alte Substanz bleibt erhalten – aus Gründen des Denkmalschutzes –, wird aber statisch verstärkt.»

Visualisierungen: Sigrist Schweizer Architekten, Luzern

Warum war Holz das richtige Material für dieses Projekt?

Holz ist ideal für solche Umbauten im Bestand. Es ermöglicht Entkopplung, bleibt im Trockenbau, bringt also keine zusätzliche Feuchtigkeit ins Gebäude und ist sehr flexibel anpassbar. Zudem ist es gut transportierbar und eignet sich hervorragend für die unterschiedlichen Situationen, die man im Bestand antrifft.

Was war technisch gesehen die grösste Herausforderung?

Neben gewissen statischen Herausforderungen, ganz klar die Schnittstelle zu Haustechnik. Die Lüftungs- und Leitungssysteme benötigen grosse Querschnitte. Gleichzeitig sollten Leitungen die Tragkonstruktion nur begrenzt durchdringen. Wir haben deshalb früh ein Grobkonzept und detaillierte Aussparungspläne erstellt und diese eng mit der Haustechnik koordiniert.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Architekten, Fachplanern und Ausführenden?

Das war die eigentliche «Königsdisziplin». Es gibt bei einem Bauprojekt immer mehrere Anspruchsgruppen mit unterschiedlichen Vorstellungen – Architekt:innen, Holzbauer:innen, Bauphysiker:innen, Brandschutzexpert:innen. Nicht alles ist bei einem Umbau planbar. Man startet mit vielleicht 50 % Wissen, also relevanten Informationen – und die restlichen Fragen zeigen sich während der Ausführung. Entscheidend ist dann die Kommunikation: offenbleiben, Varianten zulassen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Wir sprechen gewissermassen zwei Sprachen: die architektonische und die konstruktive – und verbinden sie.

Was bedeutet das konkret für dich und die Planung?

Die Konzepte müssen robust genug sein, damit sie auf der Baustelle funktionieren – aber auch flexibel, wenn sich Details ändern. Wenn alles am Limit geplant ist, sind keine Anpassungen mehr möglich. Der Holzbau lebt von dieser Flexibilität.

Was hat dir an diesem Projekt am meisten Freude gemacht?

Ganz klar die Zusammenarbeit. Zu sehen, wie Architektur, Holzbauingenieurwesen und Ausführung zusammenfinden und wie aus einer Idee ein funktionierendes Gebäude wird – das ist unglaublich spannend. Auch die Wiederherstellung des Mansardendachs und die architektonische Aufwertung des gesamten Areals sind besonders gelungen.

Braucht ein gutes Projekt manchmal auch hitzige Diskussionen?

Ja, unbedingt. Hitzige Momente und Emotionen zeigen, wie wichtig ein Projekt allen Beteiligten ist. Entscheidend ist, dass diese Diskussionen auf Augenhöhe und ehrlich stattfinden – denn genau daraus entstehen die besten Lösungen und ein stärkeres Projekt.

Roh und Echt!

Impressionen aus der Bauzeit der Psychiatrie Sarnen.
So sieht die Psychiatrie Sarnen heute aus.